Gedanken zu den aktuellen Vorkommnissen in den USA

Nach den Vorkommnissen in den USA sind wir – und damit meine ich tatsächlich «uns Weisse» – gefordert, unseren eigenen Umgang mit Rassismus zu hinterfragen, unsere Kenntnisse über systematischen Rassismus zu vertiefen und uns damit zu beschäftigen, wie wir ein Teil der Lösung werden, anstatt ein Teil des Problems zu sein. ⁠

Alle von uns müssen sich ganz persönlich der Rassismus-Frage stellen. Ja, auch, oder ganz besonders, wenn wir denken, es würde uns doch gar nicht betreffen, weil wir ja so "offene Menschen" sind. ⁠Doch Rassismus ist sozialisiert, wie ich im hervorragenden Hörbuch "Exit Racism" von Tupoka Ogette, gelernt habe. Du findest dieses auf Spotify. ⁠

Ich habe mir zum ganzen Thema einige Gedanken gemacht, die ich hier mit dir teilen möchte. Diese Gedanken sind bestimmt nicht abschliessend, denn es ist für mich auch grade Neuland, das ich hier erforsche. Das ist irgendwie anstrengend, gleichzeitig merke ich, dass es kein Zurück gibt. Denn ich möchte mich als Mensch vorwärts entwickeln, mir Wissen aneignen, neue Blickwinkel einnehmen. Und dazu gehört auch das Thema Rassismus.


Was soll ich sagen?

Was sage ich? Soll ich was sagen? Habe ich was zu sagen? Diese Fragen triggern mich selber grade sehr, da mein spontaner Gedanke dazu ist, dass ich nicht weiss, was ich sagen soll und deshalb gar nichts sage. Diese Haltung mag ich aber nicht haben, denn sie gibt mir die Möglichkeit, mich aus der Affäre zu ziehen. 

Das will ich aber nicht. Denn, ob es mir gefällt oder nicht, in der Problematik von Schwarz und Weiss bin ich als Weisse ein Teil des Problems. Und wenn ich Teil der Lösung werden möchte, muss ich beginnen, in mich hineinzuhorchen, hören, was da ist, beginnen, mich zu informieren, und das, was ich dabei lerne, zu teilen. Wenn es nur ein paar wenige hören und etwas Positives damit anfangen können, hat es sich bereits gelohnt…

Fettnäpfchen

Diese Reise ist bestimmt nicht frei von Fehlern, da ich und wir alle wahrscheinlich Dinge zum Besten geben werden, die zwar gut gemeint sind, aber irgendwie unpassend sind. Ein solches Beispiel ist für mich der Slogan «All Lives Matter», der oft in Zusammenhang mit Black Lives Matter genannt wird. Und es ist richtig, alle Leben zählen. 

Aber in der Rassismus-Frage geht es nun mal konkret um die Unterdrückung der schwarzen Menschen und People of Color, und zwar durch Weisse. Das ist voll unangenehm, aber wir müssen uns diesem Thema stellen, ohne es durch, ja-aber-andere-Leben-zählen-auch-Gedöns zu verwässern. 

Du kannst es dir so vorstellen, wie wenn wir über Frauenrechte sprechen, und dann sofort der Einwand kommt, ja aber Männer haben auch Rechte. Natürlich haben sie das, ist aber wenn es um Frauenrechte geht, nicht das Thema.

Information

Ganz ehrlich, ich stehe da noch am Anfang. Es gibt für mich ganz viel Informationsbedarf. Heutzutage steht uns ja mit ein paar Klicks alles zur Verfügung, also keine Ausreden mehr.

13th

Als Erstes habe ich z.b. den Film 13th auf Netflix geschaut, damit ist der 13. Gesetzesartikel der USA gemeint. In diesem steht, dass Sklaverei und Zwangsarbeit verfassungswidrig sei und alle Amerikaner*innen frei seien. 

Jedoch gibt es ein Schlupfloch im Artikel, das besagt, dass diese Freiheit nicht für "Kriminelle" gelte und diese daher eingesperrt werden können. So landeten in den nachfolgenden Jahrzehnten bis heute überdurchschnittlich viele Schwarze in Gefängnissen, teils wegen Lappalien, für die ein weisser Mensch einfach davon gekommen wäre. Man hatte ein neues System erfunden, um schwarze Menschen wegzusperren und Gewalt gegen sie auszuüben.

Der Film ist eine absolute Empfehlung und gibt einen guten Überblick über die Situation in der USA, insbesondere bezüglich dem "Gefängnis-Business".

When they see us

In den letzten Tagen habe ich mir zudem auf Netflix die Mini-Serie "When they see us" angeschaut. ABSOLUTES MUST WATCH. Sie zeigt die unglaubliche Leidensgeschichte von fünf schwarzen Teenagern, die unschuldig über viele Jahre wegen einer Vergewaltigung im Gefängnis sassen, bis sich der eigentliche Täter am Ende stellte, und die fünf mittlerweile jungen Männer komplett entlastet wurden. 

Die Serie macht deutlich, wie aufgrund des tief verankerten, systematischen Rassismus die fünf schwarzen Jungs, die in der Nacht der Vergewaltigung einer jungen Frau, die schwer verletzt überlebt, einfach nur das Pech hatten, mehr oder weniger in der Nähe des Tatortes von der Polizei aufgegriffen zu werden.

Da für die grauenvolle Tat sofort ein Schuldiger her musste, entschieden sich Polizei und Justiz, die jungen Männer zu Tätern zu konstruieren, obwohl diese ihre Unschuld mehrfach beteuerten, sich schlussendlich aber der Polizeigewalt beugten und halbherzige "Geständnisse" ablegten.

Die Serie ist harte Kost und schockierend – aber wir haben immerhin das Privileg, sie uns gemütlich vom Sofa aus anzuschauen!

Ich bin mir sicher, dass mit dieser Serie ein Stück Geschichte geschrieben wurde. Sie öffnet einem unausweichlich die Augen für Rassismus und massive Ungerechtigkeit gegenüber schwarzen Menschen und People of Color. 

Zudem gibt es auf Netflix auch ein Interview von Oprah mit den "echten" Opfern, die heute alle etwa in den 40igern sind. Das Interview, bei dem auch die Schauspieler von "When they see us" dabei sind, ist sehr emotional, aber auch sehr hoffnungs- und kraftvoll. 

Mich beschäftigt die Serie, das Interview und die ganze Thematik auch Tage danach, es trifft mich tief im Kern. Es ist wirklich ein Aufwachen. Und ich bin dankbar dafür.

Website "Exit Racism"

Auf der Website "Exit Racism" findest du weiterführende Materialien, da habe ich mich erst teilweise durchgearbeitet, kann ich aber jetzt schon sehr empfehlen.

Alles weiss?

Was mich geschockt hat, ist, wie weiss meine ganze Umgebung ist und alles, was ich mache. Das sage ich nicht als Anklage gegen mich selbst, sondern es ist einfach eine Feststellung, dass es in meinem Leben kaum schwarze Menschen gibt. Wieso ist das so? 

Ich weiss es ehrlich gesagt noch nicht. Vielleicht aber ist hier ein Teil der Problematik begraben. Dieses Nicht-Wissen, nicht Kennen, nicht Kontakt haben mit Leuten, die anders aussehen. Ohne bewusst böse Absicht, aber doch irgendwie sehr eingeschränkt. Da kann ich jetzt grade nicht mehr dazu sagen und muss beginnen, mich mit dieser Frage zu beschäftigen. Der erste Schritt ist aber schon mal getan, in dem ich es feststelle.

Ehrliches Interesse und Offenheit

Und um zum Abschluss dieses Artikels wieder mehr in die Leichtigkeit zu kommen; es geht nicht darum, jetzt nur noch unglücklich und empört zu sein und in eine Negativspirale reinzukommen. 

Was wir jedoch tun sollten, wenn wir als einzelne Menschen, du und ich als Individuen wachsen und unseren Teil zu einer modernen Gesellschaft beitragen wollen, ist uns mit dem Thema Rassismus auseinander zu setzen. Auf eine konstruktive Weise, d.h. einfach mit ehrlichem Interesse und Offenheit nachforschen, wieso die Situation so ist, wie sie jetzt ist. Und wo wir persönlich unsere Einstellungen und unser Verhalten hinterfragen und schlussendlich ändern dürfen.

Machen wir uns also auf den Weg. Auf den Weg in eine neue Zeit. Nutzen wir die Chance, die sich jetzt vor unsere Füsse legt und seien wir Teil der Lösung.

Ich wünsche dir eine gute, spannende, nachdenkliche Zeit mit vielen neuen Erkenntnissen.

Bis zum nächsten Mal, deine Sandra


PS. Wenn du Anmerkungen hast, Filmtipps, Dokus empfehlen kannst, usw. schreibe diese gerne in die Kommentare.

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